Anna Lee in Cork

“Twenty years from now you will be more disappointed by the things that you didn't do than by the ones you did do. So throw off the bowlines. Sail away from the safe harbor. Catch the trade winds in your sails. Explore. Dream. Discover.”- Mark Twain


Der Flug von Düsseldorf nach Dublin dauert nur ca. zwei Stunden, aber dennoch war es ein langer Weg für mich aus dem deutschen Alltag heraus, hinein ins grüne Ungewisse. 
Lange Zeit habe ich mich gefragt, ob ich mir ein derartiges Abenteuer zutrauen kann. Und eigentlich war ich mir bis zum Abflug nicht sicher. 
Als die Entscheidung, als Au Pair nach Irland zu gehen, dann aber einmal feststand, ging es auf einmal überraschend schnell.


Bereits eine Woche nachdem ich meine Bewerbungsunterlagen eingereicht hatte, hat sich eine Familie aus Carrigaline bei Cork bei mir gemeldet. Ich habe mit der Gastmutter telefoniert, sie hat mir ein Foto der Kinder geschickt und wir haben die Randdaten geklärt. Dann habe ich zugesagt. 
Im Nachhinein würde ich das sicher anders machen. Ich rate jedem, der überlegt als Au Pair zu arbeiten, sich bei der Wahl der Familie Zeit zu lassen. Erst als ich da war, ist mir klar geworden, wie wenig ich im Vorfeld über die Familie wusste und so manch eine Schwierigkeit hätte sich sicher vorher schon beseitigen lassen können, wenn ich die richtigen Fragen gestellt und mich auf ein vorzeitiges „Kennenlernen“ eingelassen hätte. Allerdings war meine Gastfamilie zum Zeitpunkt der ersten Kontaktaufnahme gerade im Urlaub und so kam auch ihnen eine schnelle Zusage meinerseits sehr gelegen.
Alles in allem habe ich sehr großes Glück mit meiner Familie gehabt, aber ich bin mir sicher- und habe es auch von anderen Au Pairs so erzählt bekommen- dass man doch mit einem anderen Gefühl aus dem Flugzeug steigt, wenn man schon ein bisschen weiß was- und vor allem wer- einen dort erwartet.


Großes Glück hin oder her, aller Anfang ist schwer. Ich war das erste Au Pair, meine Kinder waren 4,8,9 und 11 Jahre alt und nur die kleinste war das leibliche Kind beider Gasteltern, während die beiden Jungs (8 und 11) eine andere leibliche Mutter und das zweite Mädchen (9) einen anderen leiblichen Vater hatten. All diese Bedingungen haben dazu geführt, dass ich mich die ersten zwei Monate durchaus unwohl in der Familie gefühlt habe. Meine Kleinste war sehr schüchtern und hat die ganze erste Woche nicht mit mir gesprochen, während die drei älteren von der Idee einen Fulltime- Babysitter zu bekommen, gar nicht so begeistert waren- und das Ganze ja auch nicht kannten.


In dieser Hinsicht waren vermutlich meine zu großen Erwartungen, das schwerste Gepäck, das ich mitgebracht habe: Von meinen Arbeiten zuhause war ich es gewohnt, dass Kinder jugendliche Aufpasser in der Regel eher gut finden und sich schnell auf diese einlassen. 
Diese Kinder waren anders. Wir haben unsere Aufwärmphase gebraucht, wir haben sie genutzt und hatten eine unglaubliche Zeit zusammen. Ja, es war ein Hürdenlauf, es gab Hindernisse, schwierige und einfache Zeiten- aber der Endspurt kam trotzdem zu schnell.
Meine Kinder sind mir unglaublich ans Herz gewachsen und ich vermisse sie sehr.


Doch hätte mir das einer in den ersten zwei Monaten erzählt, hätte ich es vermutlich nicht geglaubt. Ich habe überlegt, ob ich die Familie wechseln soll, aber ich bin bei ihnen geblieben und bin mir jetzt sicher, dass das die beste Entscheidung war, die ich treffen konnte.
Was ich sagen will ist: Gebt der ganzen Sache Zeit. 


Glücklicherweise gab es in dem Ort, in dem ich gewohnt habe jeden Mittwochabend Au Pair Treffen im Pub, von denen ich bis zum Ende meiner Zeit nicht ein einziges verpasst habe. 
„When you live abroad your friends become your family“ hat meine Gastoma einmal verständnisvoll gemurmelt, als ich grade eine sehr liebgewonnene Freundin vor ihrem Rückflug nach Deutschland verabschiedet hatte - und wahrscheinlich auch ziemlich nach Abschiedsschmerz aussah. Und sie hat Recht. Es tat so gut, den anderen Au Pairs sein Herz auszuschütten, zu hören, dass andere ganz genau die gleichen Schwierigkeiten in ihren Gastfamilien haben, über die Dinge zu lachen, die einen kurz zuvor noch aufgeregt haben, aus Sorgen Anekdoten zu machen, auf gelungene Abende anzustoßen und ein Land zu entdecken, dass so unendlich viel zu bieten hat.


Ich bin während meiner Zeit in Irland sehr viel gereist und kann nur jedem empfehlen das auch zu tun.
Gemeinsam mit Freundinnen, die einem fürs Leben bleiben, habe ich mich auf Wochenenden voller Erinnerungen gefreut, die einem niemand mehr nehmen kann. 
Auch unter der Woche standen wir alle per Whats App in Kontakt oder haben uns zusätzlich zu dem normalen Mittwochstreffen abends verabredet. Tatsächlich kann es sein, dass man sich während einer normalen Arbeitswoche schon mal etwas einsam fühlt, wenn man niemanden sieht, außer seiner Gastfamilie. Doch auf der anderen Seite ist die Arbeit eine ziemlich gute Ablenkung von Heimweh aller Art. Ich musste in meiner Familie ab halb 8 die Kinder für die Schule fertig machen, dann haben die großen um halb 9 das Haus verlassen und ich habe mit meiner kleinen noch gespielt, bis sie um halb 10 zur Schule gebracht wurde. Sobald die Kinder aus dem Haus waren, musste ich die Hausarbeit erledigen, also putzen, Wäsche waschen und aufräumen. Um 11 bin ich dann losgegangen um meine Kleine wieder abzuholen. Dann haben wir zuhause zu Mittag gegessen und sind um halb 3 losgegangen, um die Großen von der Schule abzuholen. Sobald wir wieder zuhause waren, musste ich mit den älteren Kindern Hausaufgaben machen. Anschließend habe ich noch bis ca. halb 7 auf die Kinder aufgepasst und meistens auch das Dinner gekocht.


Viel Zeit zum Heimweh- Haben bleibt da nicht, und das war für mich auch gut so.
Im Gegenteil, Heimweh habe ich jetzt. Nach einer Familie und einem Ort, die zu einem richtigen zweiten Zuhause geworden sind und nach Kindern, die mir so viel zurückgegeben haben.
Durch das abendliche Kochen habe ich hier natürlich viele neue Rezepte kennengelernt, aber eines ist wohl das wichtigste: Eine Prise Glück, eine großer Löffel grün, eine Tasse Meer und Sand, einige gute Freunde, Musik nach Belieben, ein Glas Stout, ein paar Leprechauns und andere Fabelwesen, eine handvoll Wolken und viele, viele Digestive Buiscuits (sie machen süchtig!)- ergeben ein wunderbares Abenteuer.