Jana in Lewes

Samstag, 10. Juli. Ein ganz normaler Tag - oder doch nicht? Es ist der Tag meiner Abreise, meiner Reise nach England, der Beginn meiner Zeit als AuPair.
Ich bin erstaunlich gelassen, der Abschied von meinem Freund, meinen Eltern - als würden wir uns schon morgen wiedersehen und nicht erst in einem halben Jahr. Erst im Flieger wird es mir bewusst: Ich bin allein.
Keine Freunde, keine Familie, niemand.

Doch für den Moment überwiegt die Aufregung auf ein neues Leben.
Wie wird sie sein, meine Gastmutter, die ich nur von Fotos und einigen Telefonaten herkenne? Wie werden die Kinder auf mich reagieren? Und viel wichtiger: Werden sie mich akzeptieren? Die Fremde mit der komischen Aussprache, die plötzlich in ihr Leben tritt ... So viele Fragen, die meinen Flug begleiten, doch die Antworten werde ich wohl erst in den nächsten Monaten erfahren.

Mit zwei Stunden Verspätung lande ich schließlich am Gatwick Airport, London. In der Ankunftshalle gleitet mein Blick nervös über die wartende Menge. Wo ist sie? Dann entdecke ich ein Schild: "Childcare International welcomes Jana Kiersch". Meine Gastmutter sieht so anders aus, als auf den Fotos. Und auch sie ist nervös. Ich bin ihr erstes AuPair, ein Schritt, zu dem sie sich nach ihrer Scheidung entschlossen hat.

Die Fahrt nach Lewes verläuft verkrampft. Keiner weiß über was man reden soll.
Und meine neun Jahre Englisch scheinen umsonst gewesen zu sein. Kein vernünftiger Satz will mir über die Lippen und auf die Grammatik verzichte ich am besten ganz ... ;-) .

In meinem neuen Heim angekommen, lerne ich den Vater und die beiden Kinder kennen. Der erste Eindruck: Ich scheine es tatsächlich gut getroffen zu haben. Die Eltern sind nett und interessiert, das Spielen mit den Kindern fällt mir leicht. Alles ist gut.

Doch dann kommt die erste Nacht und mit ihr das Heimweh.
In der ersten Woche schreibe ich meinem Freund jeden Tag einen Brief, die Nächte sind genauso schlimm wie am Anfang.
Aber ich hatte mir noch vor meiner Abreise geschworen: Einen Monat ziehe ich durch. Komme, was wolle.

Und ich habe mehr als einmal daran gedacht alles hinzuschmeißen. Was bringt es mir, mich zu quälen? Warum tue ich das Ganze überhaupt? Und wie bin ich bloß auf diese kranke Idee gekommen?
Ich wollte gehen, oh ja, das wollte ich wirklich. Die Tatsache, dass ich nicht als Single nach England gegangen bin, hat es auch nicht gerade einfacher gemacht. Doch wir haben es tatsächlich geschafft die Trennung zusammen durchzuhalten, was mich umso glücklicher macht.

Und jetzt bin ich froh, dass ich die erste Zeit durchgehalten habe.
Denn wäre ich gegangen, hätte ich niemals eine so tolle Freundin gefunden. Ich wäre nie Volunteer in einem Charity-Shop geworden und ich hätte auch nie die Möglichkeit gehabt England so gut kennenzulernen, mit all seinen liebenswürdigen Macken und Besonderheiten.
Auch meine Englischkenntnisse hätten sich nie so entscheidend verbessert.
Es war eine gute Entscheidung zu bleiben.
Und ich bin stolz, dass ich den Aufenthalt nicht abgebrochen habe, denn vor allem anderen hat sich auch mein Selbstbewusstsein verbessert, damals mein größtes Problem.

Und wenn du, der du gerade dies liest, tatsächlich ernsthaft über einen AuPair-Aufenthalt nachdenkst, kann ich dir nur sagen: Sei mutig und riskiere etwas.
Ich werde nicht abstreiten, dass du in eine Familie kommen kannst, die dich ausnutzt oder in der du einfach unglücklich bist.
Doch glaube mir: wage es!
Zurück kannst du immer und dann weißt du, dass du es probiert hast. Denn auch die Agentur in England war sehr engagiert und hat sich sofort mit mir in Verbindung gesetzt. Wäre es mir nicht gut gegangen, ein einziger Anruf hätte genügt.

Also: Nimm deine Zukunft in die Hand, sei ein bisschen mutig und offen und es kann die beste Zeit deines Lebens werden!

So wie bei mir.

Eure Jana