Lena in Barcelona

Wie bekommt man sechs Monate auf ca. eine DIN A4 Seite? Ich will es mal versuchen.

Mit Barcelona hatte ich nie gerechnet, sonst hätte ich es sofort als Wunsch hingeschrieben, beworben hatte ich mich auf meinem Bogen für eine ländliche Gegend, etwas ältere Kinder und gekommen bin ich zu kleinen Kindern in die Stadt und erlebte die vielleicht schönste Zeit ;-).

Spanisch war für mich eine völlig neue Sprache. Mit der Familie hatte ich erst etwa drei Wochen vor Abreise Kontakt. Zwei Emails, ein Telefonat und los ging´s.

Bereits als ich am Flughafen abgeholt wurde, bestätigte sich eines der Vorurteile gegenüber Spaniern: spontan, gelassen, unorganisiert. „Wir fahren morgen nach Pamplona, zu San Fermines.“ Okay ;-) …
Die Familie war von Anfang an sehr sympathisch. Meine Angst, die Kinder könnten vielleicht komisch auf mich reagieren (immerhin war das „alte“ Au-Pair erst den Tag zuvor abgereist und auch davor gab es schon jemanden) erwies sich als unbegründet. Die Zwillinge, Mädchen und Junge, zweieinhalb Jahre alt, waren spitze.

Barcelona und die Costa Brava habe ich als wunderschön, bunt, spannend und lebendig erlebt. Es wurde nie langweilig, immer entdeckte man irgendein Gässchen wo man noch nicht war, eine neue Bar, einen Laden etc. Achja, und beklaut wurde ich auch nicht! Das Klima trug sein Übriges dazu bei. Völlig neu und total super war natürlich, dass ich in nur einer knappen halben Stunde mit Bahn und zu Fuß am Meer war. Das vermisse ich hier sehr.
Ich habe auch viele andere Ecken von Spanien gesehen; neben Pamplona noch Valencia, Murcia und die Vorpyrenäen.

In meiner Familie und der Umgebung sah ich fast alle Vorurteile gegenüber Spaniern bestätigt ;-). Da muss man schon mit auskommen können. Die Eltern arbeiteten beide sehr viel. Dinge, die eigentlich dringend zu Hause erledigt werden mussten, blieben sehr lange liegen. Reparaturservices meinten mit „Wir kommen morgen vorbei“, dass sie es frühstens in zwei Wochen schaffen. Pünktlichkeit- was ist das? Wenn mal ein Auto aneckt- mein Gott (es waren fast alle Nummernschilder vorn und hinten eingedellt vom Einparken). Das und vieles mehr ;-).

Die Arbeit mit den Kindern war sehr schön. Ich betreute sie, außer am Wochenende, von neun bis siebzehn Uhr, auch wenn ich öfter – nach kurzfristiger Absprache – länger machte. Frühstück, Spielplatz, Mittagessen, Vorlesen, Malen, Basteln, Mittagsschläfchen usw. stand auf dem Tagesprogramm. Im Haushalt musste ich so gut wie nichts machen; außer den Dingen, die mit den Kindern zusammenhingen. Wäsche, Putzen etc. gehörte nicht dazu; verantwortlich war ich nur für mein Zimmer, mein Bad und das Kinderzimmer.

Ich verbrachte mehr Zeit mit den Kindern als die Eltern, was ich schon etwas schade für sie fand, aber sie mussten ja soviel arbeiten. Mit der Sprache klappte es wirklich gut. Die Mutter half mir beim Suchen einer Sprachschule. Gut war, dass beide Elternteile Englisch konnten, so konnte ich mich langsam auf Spanisch umstellen, was auch geklappt hat! In der Sprachschule hatte ich einen wirklich lustigen, internationalen Kurs. Im Haus der Familie hatte ich ein eigenes Zimmer und ein eigenes Bad, was wirklich praktisch war. Ich hatte wirklich fast ausnehmend positive Erfahrungen in meiner Familie.

Mir hat mein Aufenthalt in vieler Hinsicht sehr viel gebracht. Ich würde es auch heute genauso wieder machen. Ich bin nur ein halbes Jahr weggegangen, um dann hier noch Zeit für Praktikum, Entscheidung, Uni-Bewerbung, Wohnungssuche zu haben (was mir von dort aus irgendwie umständlich gewesen wäre) und fand das für mich so genau richtig. Ich kann sogar sagen, dass auch eine Beziehung diese Zeit gut überstehen kann, auch wenn es nicht immer einfach ist.

So eine Erfahrung macht man nur einmal im Leben und es tut so gut mal aus dem Alltagstrott raus zu kommen und was Neues zu sehen, neue Leute kennen zu lernen und in einer fremden Stadt mit einer fremden Sprache zurecht zu kommen. Vor allem, wenn man, wie ich, nach dem Abi noch keine Ahnung hatte, was man denn nun machen soll. Nun weiß ich es :-). Mit der Familie, die ich sehr ins Herz geschlossen habe, habe ich heute noch Kontakt, war sogar schon wieder zu Besuch und werde das wohl auch in Zukunft beibehalten.
Ich kann nur jedem raten, die Zweifel beiseite zu schieben und es zu versuchen!
Lena