Helena in Wellington

Unter Kiwis, Hobbits und jeder Menge Schafen – Mein Jahr als Au Pair in Wellington

Neuseeland? Was stelle ich mir darunter vor? Klar, habe ich die Herr der Ringe- Filme gesehen, bin beim Googeln auf hunderte Bilder unwirklich aussehender Landschaft gestoßen und habe Berichte von anderen Reisenden gehört, die von kalten, ungeheizten Häusern im Winter und gastfreundlichen Menschen erzählten. Doch so wirklich konnte ich mir dieses Land mitten im Meer und knapp 19000 km entfernt nicht vorstellen. Und schon gar nicht dort mehrere Monate in einer völlig fremden Familie zu leben.

Nach dem ersten Gespräch mit meiner zukünftigen Gastfamilie über Skype, lösten sich einige der Bedenken jedoch ganz schnell in Luft auf. Die Familie schien plötzlich nicht mehr abstrakt, sondern schien wirklich zu existieren und sogar sehr nett zu sein. Ich fand direkt einen guten Draht zu meinen Gasteltern, obwohl das Gespräch ein bisschen einem Bewerbungsgespräch glich, lief es entspannt und ich war mir sicher, dass die Familie die Richtige für mich sein würde. Sie leben in Wellington und haben vierjährige Zwillinge, ein Mädchen und einen Jungen.

So verwandelte sich meine Sorge immer mehr in Vorfreude, so dass auch der Abschied von Familie und Freunden, trotz einiger Tränen, nicht so schwer war wie gedacht.

In Neuseeland angekommen ging es zunächst für drei Tage nach Auckland zu den Orientation Days, auf denen praktische Sachen wie ein Erste-Hilfe-Kurs, das Eröffnen eines Bankaccounts, theoretische Fahrstunden und allgemeine Infos über das Leben als Au Pair auf dem Programm standen. Es war allerdings auch eine erste Möglichkeit ein paar Kontakte zu knüpfen und sich mit den anderen Au Pairs auf das Kennenlernen mit der Gastfamilie vorzubereiten. Danach ging es für mich nach Wellington während die meisten in Auckland blieben. Ich habe es allerdings nie bedauert in Wellington gelandet zu sein, da mir die Stadt super gut gefiel. Auch meine Gastfamilie stellte sich als genauso nett heraus wie bei Skype und nach anfänglichem Austestens meiner Konsequenz wurden auch die beiden Kinder und ich ein tolles Team.

Meine Aufgaben bestanden darin sie mittags vom Kindergarten abzuholen und den Nachmittag mit ihnen zu verbringen. Wir haben gebastelt, gemalt, alle Arten von Spielen gespielt, getobt, gelesen und einfach viel Spaß gehabt. Zwei Tage die Woche hatten sie keinen Kindergarten und ich habe schon den Vormittag mit ihnen verbracht, wobei wir die Zeit meistens für Ausflüge zum Spielplatz, in die Bücherei, ins Schwimmbad, ins Museum oder für Playdates mit anderen Au Pairs und deren Gastkindern genutzt haben. Abends habe ich dann für meine Gastfamilie gekocht und das Bad der Kinder gemacht. Einmal die Woche habe ich das Haus geputzt und die Wäsche habe ich zwischendurch gemacht. Die Arbeit konnte natürlich manchmal anstrengend sein und auch das Zusammenleben mit einer Familie, die nicht die eigene ist. Und natürlich können auch die Kinder manchmal anstrengend sein. Doch allgemein hat mir die Arbeit unheimlich viel Spaß gemacht und es haben sich definitiv meine Englischkenntnisse, und hoffentlich auch meine Kochkünste, verbessert.

Aber neben der Arbeit blieb immer noch genug Zeit für Freizeit. Ich traf mich viel mit Freunden, ging in einen Kanuverein und ins Fitnessstudio und auch zum Ausgehen abends ist Wellington toll. Und nicht zu vergessen die vielen Wochenendtrips und Urlaube. Nicht nur die tausenden Schafe, sondern auch die atemberaubende Landschaft, die es einem schwer macht, nicht andauernd in Superlative zu verfallen, bewahrheiteten sich. Regenwald, Gletscher, lange Strände, Berge, Vulkane, Geysire, heiße Quellen und Höhlen, Neuseeland hat alles. Schwer sich nicht in dieses Land am anderen Ende der Welt zu verlieben. Mir ist es auf jeden Fall nicht gelungen, obwohl ich mich an manche Sachen erst gewöhnen musste. An Weihnachten im Sommer zum Beispiel (gar nicht weihnachtlich!) oder an Marmite, einen für meinen Geschmack, nicht aber für den meiner Gastkinder, ekligen Brotaufstrich oder an den Kiwi-Akzent mit einigen Begriffen, die wahrscheinlich noch nicht einmal ein Engländer versteht. Daran habe ich mich allerdings schnell gewöhnt, ebenso wie an die kalten Häuser, was wirklich meistens stimmt genau wie die Gastfreundschaft der Kiwis. So fiel es mir unheimlich schwer das Land nach neun Monaten in meiner Gastfamilie und anschließendem Reisen wieder zu verlassen.

Ich ließ unheimlich gute Freunde, meine zweite Heimat Wellington und meine tolle Gastfamilie mit den beiden Kindern, die mir so sehr ans Herz gewachsen sind, zurück. Aber ich nehme  tolle Erinnerungen, Kontakte, die hoffentlich noch lange halten und die Gewissheit, dass ich ein Jahr selbstständig meistern kann, mit. Dies kann mir, trotz gelegentlichem Neuseelandweh, keiner mehr nehmen.