Verena in Auckland

He aha te mea nui i tenei Ao? He tangata, he tangata, he tangata!“ Sagen die Maori, die ersten Siedler Neuseelands. Und sie haben ja so recht!

Nach dem Abitur stand für mich ziemlich schnell fest, dass ich keine Lust hatte den Erwartungen meiner Lehrer und Eltern und Verwandten nachzukommen. Nach 12 Jahren Schule verspürte ich nicht unbedingt das Riesen-Verlangen mich gleich anschließend noch für ein paar weitere Jahre in die Uni zu setzen. Wann reisen und die Welt sehen wenn nicht jetzt, dachte ich mir. Work&Travel klang verlockend aber um so ganz alleine los zu ziehen war ich doch nicht mutig genug. Ich liebe Kinder und sie mögen mich und die Vorstellung auch im fremden Land einen Ort zu haben wo man hin gehört und den man ein Zuhause nennen konnte wirkte beruhigend.Deshalb entschied ich mcih Aupair zu werden. Und damals ahnte ich noch nicht, wie sehr man Kinder lieben konnte, wie sehr man sich zugehörig fühlen konnte und was für ein großartiges Zuhause ich haben würde.

Da das erste Aupair schon nach einer Woche wieder abgesprungen war (tja, Pech gehabt und selber schuld, würde ich sagen), ging die Vermittlung zwangsläufig relativ schnell und problemlos. Eine Woche nach der Zusage saß ich im Flieger nach Auckland, Neuseeland. Neuseeland dem schönsten Land der Welt.

Im Gegensatz zu fast allen anderen Aupairs, die ihre Familien Monate vorher kennenlernen, traten wir erstmal zwei Wochen vor meiner Abreise in Kontakt und versuchten uns einfach per e-mail so gut wie es eben ging, ein bisschen besser kennen zu lernen.

Laut Bewerbung würde ich dort für eine dreiköpfige Familie arbeiten. Kiwi-Vater, Deutsche-Mutter, Kiwi-deutsches-Baby, ganz gemütlich. Tja, Pustekuchen. Schon wenige Tage nach meiner Ankunft war diese Beschreibung hinfällig. Meine Arbeitgeber waren meine neue Familie und diese Familie bestand nicht nur aus den genannten dreien mit ihrem Hund und ihrer Katze, nein, plötzlich hatte ich zusätzlich zu meiner Familie zuhause noch einen Opa und eine Oma, noch einen Onkel und eine Tante, einen Cousin und eine Cousine, eine Mama, einen Papa und natürlich mein Baby. Und hier war ich fast nie das Aupair, Sondern eben die Enkelin, die Nichte, die Cousine, die Tochter oder die große Schwester. Und ziemlich schnell war mir klar, dass das eine Zeit wird, die ich nie vergessen würde.

Meine Aufgabe war einfach: Da mithelfen wo ich gebraucht wurde. Ein bisschen Wäsche, ein bisschen Küche, ein bisschen Putzen und natürlich meine Lieblingsaufgabe - auf den kleinen Riley aufpassen. Mindestens drei Tage in der Woche gab es also nur ihn und mich und unser Babysingen, unser babyturnen, unsere Spielgruppe, unsere Spaziergänge und ganz viel Spaß! Wir lernten sitzen, krabbeln, Laufen, Rennen, essen (mehr oder weniger) und vorallem richtig frech zu sein. Wir trafen uns mit meiner Aupairfreundin und ihrem gleichaltrigen Baby zu Playdates oder mit unserer Oma zum Kaffeetrinken. Ich war immer überall dabei und verpasste kein Family-Dinner. Natürlich war es manchmal stressig. So weit weg von daheim und plötzlich musste mal für Zwei Menschen denken, dabei ist man doch mit dem eigenen Leben schon überfordert. Wenn dann der kleine zum Beispiel zahnte oder einfach nur so zum Spaß mal beweisen wollte dass er der Chef ist, fragte ich mich oft, „Was tue ich hier eigentlich?“. Mehr als einmal fand ich mich mit einem scheinbar grundlos weinenden Baby im Arm hilflos stundenlang im abgedunkelten Raum auf und ab gehen aber bei einem Babybussi oder wenn der kleine Riley seine dicken Speckärmchen um meinen Hals legte oder auf mich zurannte und meine Beine umarmte, wusste ich was ich hier tat. Ich hatte die Zeit meines Lebens.

Über meine dortige Agentur fand ich Freunde und Mitreisende und acht Monate fehlte es mir an gar nichts.

Die Wochenenden hatte ich eigentlich immer frei und auch meine Abende gehörten fast immer mir alleine, sodass ich dort sogar einen Turnverein fand wo ich wöchentlich meine zahlreichen angefressenen Pfunde zumindest teilweise abtrainieren konnte.

Insgesamt ca. fünf Wochen hatte ich frei und konnte reisen und Neuseeland könnte reisefreundlicher kaum sein. Als Backpacker kommt man eigentlich auch ohne Auto überall hin wo man hin möchte (und glaubt mir, ihr wollt überall hin!) und so habe ich wirklich viel gesehen. Keinesfalls genug, aber ich glaube genug Neuseeland ist auch nicht möglich. Es ist wunderschön, zu reisen, das Land zu erleben, die Kultur kennen zu lernen und unzählige Speicherkarten voll zu knipsen. Neue Menschen kennen zu lernen und immer wieder sprachlos zu sein, weil das unübertreffliche Erlebnis von vorher soeben übertroffen wurde. All die Abenteuer zu erleben, wie  Rafting, Bungeejumping, Kayaking, Black Water Rafting, in einer Stadt neu anzukommen und noch keine Schlafgelegenheit zu haben, in Rotorua am Straßenrand die Beine rasieren oder, mein persönliches Highlight, im Schlafanzug durch Christchurch laufen, und gleichzeitig zu wissen, dass man im selben Land Menschen hat, die einen vermissen, die man vermisst, die für einen da sind und bei denen man zuhause ist.

Während meines Aufenthalts hatte ich zwei Tagebücher geschrieben und zusätzlich Stichpunktartig aufgeschrieben, was ich so alles gelernt hatte. Ich hatte zum Beispiel gelernt, dass man sehr lustige blicke und Kommentare kassiert, wenn man als 19 Jährige in den Parents-Room spaziert, den es in jedem Einkaufszentrum gibt. Außerdem, dass Popcorn in Neuseeland immer salzig ist und dass dir ein Kiwi der „I love you heaps“ sagt, kein Kompliment für deine Hüften gemacht hat. Und, und das ist sehr hilfreich für spätere Kinder, einem erkälteten Baby sollte man den Karottenbrei beim Niesen nicht direkt unter die Nase halten, wenn man sein weißes T-shirt mag.

Aber Spaß bei Seite. Das wichtigste was ich gelernt habe ist „He aha te mea nui i tenei Ao? He tangata, he tangata, he tangata!“ - „Was ist das wichtigste auf der Welt? Menschen, Menschen, Menschen!“

Denn so schön das Land auch ist, so interessant es ist eine Kultur kennen zu lernen und so sehr man auch für einen solchen Schritt bewundert wird, das Maori Sprichwort ist wahr. Ohne die Menschen die man kennen und lieben lernt, ist alles nur halb so schön.

Seit über vier Monaten bin ich jetzt wieder zuhause. Habe meine deutsche Familie zurück, meine alten Freunde, habe mich mehr oder weniger gut wieder eingelebt und habe noch sehr viel Kontakt zu meiner Gastfamilie und all meinen Freunden in Neuseeland.

Und ja, es gab diese Heimweh-Momente. Aber Fakt ist, nie in meinen ganzen acht Monaten habe ich Deutschland so sehr vermisst wie ich jetzt, wo ich wieder zuhause bin, Neuseeland vermisse.

So oder so, war es ein unvergesslicher und unvergleichlicher Lebensabschnitt, und eine Erfahrung die mir keiner mehr nehmen kann. Ich bin unglaublich stolz diesen Schritt getan zu haben und würde es jederzeit wieder tun.