Anna in Bowral

Schon seit Jahren stand für mich fest: Nach dem Abi geht es erst mal für ein Jahr ins Ausland, nach Australien. Aber wie? Zuerst hatte ich an Work and Travel gedacht. Doch dann erfuhr ich von einer Bekannten von der Möglichkeit, als Au Pair in Australien zu arbeiten. Und da ich Kinder sowieso liebe, dachte ich: Perfekt! So habe ich zumindest auch erst mal einen festen Job und eine Unterkunft. Aber natürlich geht es beim Au Pair-Programm um noch viel mehr als nur das.

Also begann ich, nach einer passenden Gastfamilie zu suchen. Ich hatte mich dafür entschieden, dies über iSt zu tun, denn so wurden mir jede Menge Familien vorgeschlagen und ich hatte auch immer einen Ansprechpartner, falls doch mal was schief gehen sollte.

Einige Skype-Telefonate mit Familien in ganz Australien, von der Farm bis zur Großstadt, später hatte ich dann „meine“ Familie gefunden. Etwa drei Monate bevor es im August los gehen sollte nach Bowral, einem gemütlichen Städtchen etwa 2 Stunden südlich von Sydney.

Dort erwarteten mich die zuckersüße und quirlige Lexi (2 Jahre) und der unheimlich liebe und sensible Tristan (4 Jahre).

Als ich abends nach 24 Stunden Flug endlich meine Gasteltern Pennie und Jerry kennenlernte (die sich übrigens gigantisch über einen kleinen Räuchermann aus dem Erzgebirge gefreut haben), haben die beiden Kleinen schon geschlafen und ich bin auch fast sofort hundemüde ins Bett gefallen. Am nächsten Tag und für den Rest der Woche war dann noch die bisherige Babysitterin da, damit ich erst mal in Ruhe ausschlafen und dann die Kinder kennen lernen konnte. Zuerst war einfach alles völlig neu für mich und es gab eine Menge für mich zu lernen; zumal ich vorher noch nie mit so jungen Kindern gearbeitet habe. Selbst das Windeln wechseln musste ich mir erst mal zeigen lassen. Ein paar Fahrstunden, um mich an den Linksverkehr zu gewöhnen hatte ich auch, aber das ist eigentlich ganz easy.

Am Wochenende hat mich mein Gastvati dann erst mal mit in die Stadt genommen, mir alles gezeigt und mir auch dabei geholfen, ein Bankkonto zu eröffnen und die richtige SIM-Karte zu kaufen.

Tja, und Montag war es dann soweit: Ich war zum ersten Mal den ganzen Tag allein für die Kinder verantwortlich. Davor hatte ich schon ein bisschen Bammel. Früh mussten beide aus dem Bett geholt und angezogen werden, dann noch frühstücken und ab ins Auto, um den Großen in die Vorschule zu fahren. In der Zwischenzeit waren Lexi und ich auf einem Spielplatz in der Nähe und sie hatte ihren täglichen Mittagsschlaf, was ein Stündchen Pause für mich bedeutete. Nachmittags fuhren wir dann gemeinsam wieder zur Vorschule, um Tristan abzuholen. Der war nach seinem anstrengenden Vormittag erst mal ziemlich knülle und hat sich mit dem iPad ins Bett verkrümelt. (Mit dem kannten sich beide Kinder schon besser aus als ich, und durften damit auch so oft spielen wie sie wollten.) Später sind wir dann noch in den Garten gegangen, um auf dem Trampolin zu hüpfen, zu schaukeln und Ball zu spielen. Und als die beiden dann friedlich vor dem Fernseher saßen und „Cars“ geschaut haben, kam auch schon Mami nach Hause. Also gar nicht so dramatisch!

So oder so ähnlich liefen dann auch die meisten anderen Tage ab, an denen ich auf die Kinder aufgepasst habe. Mit der Zeit konnte das ganz schön langweilig werden, besonders wenn die kleinen zum dritten Mal am Tag „Minions“ schauen wollen, und du trotzdem daneben sitzen musst, weil sie sonst rumquängeln. Und trotzdem war es auch ziemlich anstrengend, denn vor allem die Zwei-Jährige hat nie einen ganzen Film durchgehalten und wollte irgendwie anders unterhalten werden, also hieß es eine ganze Kiste Lego oder Autos auskippen… (Ratet mal wer die dann wieder einräumen durfte.) Und gerade wenn man sich denkt, worauf habe ich mich hier eigentlich eingelassen?, kommt auf einmal einer der beiden an und will knuddeln und auf einmal ist es dir egal wie nervig sie manchmal sein können, denn dann sind sie einfach nur süß! Besonders erstaunlich war es für mich auch, wie schnell sich die Kinder in meiner kurzen Zeit, die ich da war weiter entwickelt haben! Lexi zum Beispiel konnte, als ich ankam, lediglich „Mummy“ sagen oder eben schreien und ein paar Monate später hatte sie schon jede Menge Worte gelernt, um auszudrücken, was sie will. Wenige Wochen vor meiner Abreise begann sie dann sogar, mich Anna zu nennen.

Meine freie Zeit habe ich hauptsächlich dafür genutzt, Australien zu entdecken. Mit dem Zug konnte man bequem nach Sydney fahren und dort Oper und Harbour Bridge bestaunen. Nach ein paar Wochen bin ich auch für ein Wochenende zum Uluru geflogen und das war ziemlich cool, einmal mitten in der Wüste zu sein. Vor allem hatte ich das Ticket auch ziemlich günstig bekommen, da mein Gastvati als Pilot arbeitet und da Vergünstigungen bekommt. Außerdem hat mir meine Gastfamilie angeboten, mich auf einen zweiwöchigen Urlaub an die Westküste mitzunehmen. Da sage ich doch natürlich nicht nein! Dort musste ich mich dafür zwar auch ziemlich oft um die Kinder kümmern, aber ich konnte total liebe Großeltern kennenlernen und hatte die Gelegenheit, im Ningaloo Reef tauchen zu gehen.

Weihnachten war dann noch mal etwas ganz besonderes. Den ganzen Dezember lang hatten meine Gastmutti und ich schon Plätzchen und Slices gebacken und dabei hunderte kitschige Weihnachtsfilme geschaut. War nur etwas seltsam, dass wir danach eine Wasserbombenschlacht im Garten machen konnten!

Zu Weihnachten selbst kamen dann auch wieder die Großeltern vorbei. Am 24. war ich für das typisch deutsche Weihnachten mit Würstchen und Kartoffelsalat zuständig. Am 25. wurde dann australisch gefeiert. Früh wurde der riesige Geschenkeberg unterm Tannenbaum von der Kindern erobert und es gab French Toast zum Frühstück. Zum Mittag gab es statt dem klassischen Truthahn Hühnchen, außerdem Meeresfrüchte, verschiedene Salate, frisches Brot, … auf jeden Fall viel zu viel! Und dann später, als das ganze etwas nachgerutscht war, gab es Pavlova mit Erdbeeren. Das ist ein typisch australisches Weihnachtsdesert, ein Kuchen aus Eischnee mit ganz viele Sahne und frischen Früchten oben drauf. Sehr lecker! Die Kinder waren an diesem Tag ungewöhnlich ruhig, was vor allem daran lag, dass sie so viele neue Spielsachen hatten, die ausgetestet werden mussten. Eigentlich wollten wir bei dem schönen Wetter am Nachmittag auch noch Cricket im Garten spielen, aber irgendwie waren wir dann doch zu beschäftigt mit verdauen, quatschen und guten australischen Wein trinken.

Gleichzeitig war das für mich auch die Zeit des Abschieds. Einige Wochen zuvor hatte ich begonnen, nebenbei in einem Blumenladen auszuhelfen, um etwas Geld dazu zu verdienen und habe mir einen Campervan gekauft, mit dem ich jetzt durch Australien fahren will. Meine Gastfamilie brauchte mich nicht wirklich die vollen 6 Monate, und auch ich hatte nichts dagegen, etwas mehr Zeit zum Reisen zu haben. Also hieß es am 26. Dezember, mich von der ganzen Familie, die ich in der Zwischenzeit unglaublich ins Herz geschlossen habe, zu verabschieden. Es wurden noch tausende Abschiedsfotos geschossen und ich habe alle möglichen Reste vom Weihnachtsessen mitbekommen, damit ich auch ja nicht verhungere, und dann ging es los! Zuerst habe ich das fantastische Silvesterfeuerwerk in Sydney bewundert und jetzt liegt eine große Reise ins Ungewisse vor mir!

Auf jeden Fall bereue ich es nicht, mich für die Au Pair Stelle entschieden zu haben, und jeder der gern mit Kindern arbeitet und sich nicht so schnell stressen lässt, sollte diese einmalige Chance nutzen, einen Einblick in das Familienleben hier zu bekommen.